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Am Freitag 28.Januar 2005 erschien in der Braunschweiger Zeitung dieser Artikel von Norbert Jonscher

 
 Eltern durften nicht zur toten Tochter
 
 Jana und Martin Schildhauer empört über Verhalten der Ermittler – Verfahren gegen Unfallfahrer eingestellt

 
 
 
 Von Norbert Jonscher


Nicki-Sophie starb am 15. August 2004. Drei Wochen vor ihrem 14. Geburtstag. Um 21.53 Uhr, heißt es im Polizeibericht, wird sie beim Überqueren der B 248 in Höhe Thiedebacher Weg vom Opel Vectra eines 45 Jahre alten Salzgitteraners erfasst und getötet. Das gegen ihn eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde jetzt eingestellt. Die Beweise, heißt es, reichten für eine Anklage nicht aus.

Die Eltern, Jana und Martin Schildhauer, sind geschockt. Und wütend über die ihrer Meinung nach schlampigen Ermittlungen, die dazu geführt hätten, dass plötzlich ihre Tochter diejenige sein soll, die, ohne Schutzkleidung auf Inlinern unterwegs, den Unfall selbst verschuldete. "Da haben wir ein halbes Jahr gewartet und dann kommt sowas, das tut nochmal genauso weh."

Nur schwer zu erkennen

Die Schülerin sei dunkel gekleidet gewesen, ohne Reflektoren, also im Dunkeln nur schwer zu erkennen, zu diesem Fazit kommt die Staatsanwaltschaft. Es gebe keine Bremsspuren, Zeugen sagten aber aus, der Unfallfahrer sei nicht schneller als 80 gefahren. Kurzum, es sei "nicht mit hinreichender Sicherheit nachzuweisen, dass der Unfall durch sorgfaltswidriges Verhalten herbeigeführt wurde", so ein Sprecher. Für die Eltern ist dieses Ergebnis ein neuerlicher Schlag. Sie sagen, vieles habe sich ganz anders abgespielt.

Ihre Version: Nicki war, vom Baden kommend, noch mit Freundinnen auf dem Volksfest in Thiede; diese könnten das bestätigen. Anschließend habe sie bei einem Freund ihre Inliner abgeholt, sei dann, wie er sagt, gegen 21.15 Uhr losgefahren.

Was nach Meinung der Schildhauers bedeutet: Nicki wollte die B 248 gar nicht überqueren, sondern sie hatte sie bereits praktisch, nämlich aus der anderen Richtung kommend, überquert, als sie am rechten Fahrbahnrand vom Pkw erfasst wurde. Jana Schildhauer: "Sie war schon drüben, definitiv, man hätte sie also vorher sehen müssen."

Dann die angeblich nicht vorhandenen Reflektoren: Martin Schildhauer blättert in einem Prospekt, die Schuhe seiner Tochter sind darin abgebildet: "Das waren teure Markenschuhe, die hatten sehr wohl eingebaute Reflektoren, die bis zu 160 Meter weit zu sehen sind."

Wie groß ist die Schuld des Autofahrers (hat sich bis heute nicht bei den Eltern entschuldigt), wie groß die der Tochter? Schwer zu entscheiden. Jana und Martin Schildhauer sind überzeugt: Ihre Tochter, die sie als ausgesprochen aufmerksam kennen, hat sich richtig verhalten. "Auch in der Schule war sie immer zuverlässig, sie war eine gute Schülerin, deshalb haben wir ihr auch erlaubt, in den Ferien bis 22 Uhr draußen zu bleiben, und sie ist nicht ein einziges Mal zu spät gekommen", berichtet die Mutter.

Am Unglückstag war alles anders. Und es war nicht allein der Unfall, vielmehr das schreckliche Drumherum, an dem die Eltern noch heute schwer zu knabbern haben. Sie durften nicht zu ihrer sterbenden Tochter, die 800 Meter entfernt, auf einen Radweg geschleudert, ihren schweren inneren Verletzungen erlag. Jana Schildhauer: "Unglaublich."

Doch der Reihe nach: Schon um Viertel vor zehn habe sie plötzlich "ein ungutes Gefühl" beschlichen, sofort habe sie ihre Tochter versucht anzurufen. Vergebens. Niemand meldete sich. "Da war mir klar: Da stimmt was nicht", erinnert sich die Mutter unter Tränen. Sie fährt los. Und sieht schon in Leiferde von weitem Blaulicht, fragt einen Polizisten: Was ist los? Sie vermisse ihre Tochter, die müsse hier eben auf Inlinern lang gefahren sein. Reaktion des Beamten: Sie solle sich erstmal ins Auto setzen und warten.

Barsch abgewiesen

Minuten später, sie waren wie eine Ewigkeit, will Jana Schildhauer endlich Gewissheit; sie hält es nicht mehr aus, zittert am ganzen Leib wie Espenlaub. Und wird barsch abgekanzelt, angeschnauzt. "Da schreit mich der doch an: Setzen Sie sich gefälligst ins Auto, wir wissen’s noch nicht, ob das Ihre Tochter ist."

Kurz darauf hält ein Polizeiauto, ein Pfarrer steigt aus, erklärt Frau Schildhauer, die Tochter ist tot. Ein Polizist gibt ihr ein Aktenzeichen, erklärt, ohne gefragt zu sein, die Tochter habe Schuld, sie sei aus der Dunkelheit gekommen, sie wollte wohl zum Schützenfest. Völlig unsensibel, so die Schildhauers, wie ein "Tölpel" sei der Beamte mit den Eltern umgegangen, die er nicht
zu ihrer toten Tochter vorließ
("die sieht nicht gut aus"), derweil ein TV-Team fleißig am Unfallort filmte.

Tochter auf Videofilm

"Die haben uns behandelt wie Störenfriede, uns regelrecht abgewimmelt, obwohl wir uns ausweisen konnten." Wohl 90 Minuten hockten die aufgelösten Eltern irgendwo am Straßengraben, verfolgten von fern, wie ihre Tochter abgeholt wurde. Warum sie nicht durchgelassen wurden, dazu konnte die Polizei gestern keine schlüssige Erklärung abgeben. Ein Polizeisprecher: "Grundsätzlich dürfen Eltern natürlich zu ihrem toten Kind."

Dass sie ihre Tochter dann doch noch am Unfallort sehen konnten, verdanken die Schildhauers übrigens einem Zufall. Sie erhielten das Videoband zugespielt. Die Bilder zeigen die tote Nicki – über der am Himmel, drüben am Festplatz, ein Feuerwerk abbrennt.
 

Danke nochmal

an die Braunschweiger Zeitung und Herrn Norbert Jonscher